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Die Jahresausstellung 2026 des Departments Architektur stand unter dem Titel „Korrespondenzen“ und fand im ehemaligen Druckhaus der Siegener Zeitung statt. Gezeigt wurden Arbeiten aus unterschiedlichen Semestern, Maßstäben und Fachgebieten – von Zeichnungen und Modellen über räumliche Installationen bis zu Design-Build-Projekten und experimentellen Lehrformaten.
Ausgangspunkt war Tim Ingolds Begriff der Korrespondenz. Gemeint ist damit kein Austausch zwischen bereits abgeschlossenen Dingen, sondern ein Prozess des Werdens: Linien, Praktiken und Wissensformen treffen aufeinander, verändern sich gegenseitig, verlaufen zeitweise gemeinsam und lösen sich wieder voneinander. Für die Ausstellung wurde Architektur entsprechend nicht als isoliertes Ergebnis verstanden, sondern als Produkt vielfältiger Beziehungen – zwischen Material und Entwurf, Studierenden und Lehrenden, Orten und ihren Geschichten, Konstruktion und Gebrauch, Hochschule und Stadt.
Besonders sichtbar wurde dieser Ansatz in Projekten, die den Maßstab der Zeichnung verlassen und in reale räumliche, materielle und institutionelle Kontexte eintreten. Die Forschungsstation II am Monte Schlacko verbindet Architektur, Kunst, Sozialwissenschaften und Ingenieurwesen. Der künstlich aufgeschüttete Berg wird dabei als Restraum menschlicher Extraktion und als situierter Ausgangspunkt für künstlerische und wissenschaftliche Wissensformen untersucht. Aus einer imaginierten Zukunft richtet das Projekt den Blick zurück auf die Gegenwart und fragt: Wie werden wir gewesen sein? Planetarisches Leben erscheint hier als räumliche Frage.
Auch das Design-Build-Projekt Intendere entstand aus einer Konstellation unterschiedlicher Disziplinen und Akteur:innen. Drei Lehr- und Forschungsgebiete – Städtebau, Baukonstruktion und Gebäudelehre – entwickelten gemeinsam mit Studierenden eine mobile Stadtbühne als Lehr- und Lernort im urbanen Kontext. Theaterpraxis, Konstruktion, Öffentlichkeit und Stadt wurden dabei miteinander verschränkt. Kooperationen mit kulturellen Einrichtungen, Planer:innen und weiteren externen Partner:innen waren Teil des Entwurfsprozesses und erweiterten die architektonische Arbeit um andere Formen des Wissens und der räumlichen Praxis.
Korrespondenz bezeichnete in der Ausstellung damit zugleich eine Form der Zusammenarbeit. Architektur entstand nicht allein innerhalb einzelner Fachgebiete, sondern in Beziehungen zwischen Disziplinen, handwerklicher Erfahrung, kulturellen Institutionen, regionalen Betrieben und externem Wissen.
Auch die Ausstellungsarchitektur folgte diesem Prinzip. Eine bereits im Vorjahr entwickelte, wiederverwendbare Struktur aus textilen Bahnen bildete die gemeinsame räumliche Grundlage. Innerhalb dieser Ordnung konnten die einzelnen Lehrgebiete eigene Positionen formulieren, ohne den Zusammenhang der Ausstellung aufzugeben. Ergänzt wurde die Struktur durch Texte und Fragmente in den Zwischenräumen. Die Ausstellung erzeugte so keine einheitliche Erzählung, sondern ein Gefüge unterschiedlicher, aufeinander bezogener Arbeiten.
Das ehemalige Druckhaus spielte dabei eine zentrale Rolle. Es fungierte nicht nur als Ausstellungsort, sondern als Lehr-, Forschungs- und Experimentierraum. Seine industrielle Struktur, seine räumlichen Potenziale und seine institutionellen Bedingungen wirkten unmittelbar auf die Nutzung zurück. Die vorübergehende Schließung des Gebäudes infolge der Summer School 2026 machte sichtbar, dass räumlicher Spielraum immer auch von organisatorischen, rechtlichen und administrativen Bedingungen abhängt.
Damit rückte eine weitere Ebene der Ausstellung in den Blick: Architektur wird nicht nur durch Entwurf und Konstruktion bestimmt, sondern ebenso durch Genehmigungen, Zuständigkeiten, Sicherheitsanforderungen, Nutzungsdefinitionen und institutionelle Verfahren. Das Druckhaus wurde so zu einem konkreten Ort, an dem sich das Verhältnis von architektonischer Offenheit und institutioneller Ordnung beobachten ließ.
Für die Neue Architekturschule Siegen – N_AS – ist diese Spannung zentral. Sie versteht sich nicht als abgeschlossenes Modell, sondern als Struktur im Werden. Lehrformate, Kooperationen, Förderanträge, experimentelle Nutzungen, Aushandlungen und Widerstände sind Teil dieses Prozesses. Die Jahresausstellung zeigte daher keinen Endzustand, sondern einen Zwischenstand einer Architekturschule, die ihre räumlichen, didaktischen und institutionellen Bedingungen fortlaufend überprüft und weiterentwickelt.
„Korrespondenzen“ war damit zugleich Ausstellung, räumliches Experiment und Momentaufnahme eines gemeinsamen Prozesses. Unterschiedliche Positionen wurden nicht vereinheitlicht, sondern in Beziehung gesetzt.
Nicht Einheit durch Gleichheit. Nicht Offenheit durch Regellosigkeit. Sondern Zusammenhang durch Korrespondenz.
