Summerschool

Vom 9. bis 15. September 2026 wurde das ehemalige Druckhaus der Siegener Zeitung zum Ort für eine andere Architekturlehre. Die vierte Summer School „Future Curricula Circuit Training“ der Neuen Architekturschule Siegen brachte Studierende, Lehrende, Planende, Forschende und Initiativen zusammen, um gemeinsam über die Zukunft der Architekturlehre nachzudenken – und diese Zukunft unmittelbar im Raum zu erproben.

Das Druckhaus war dabei mehr als ein Veranstaltungsort. Seine offenen Räume, seine Unfertigkeit und seine Lage mitten in der Stadt wurden selbst zum Gegenstand der Arbeit. In Workshops, Vorträgen, Gesprächen, gemeinsamen Essen und räumlichen Interventionen entstand ein konzentrierter, offener und zugleich sehr konkreter Austausch: Wie muss Architekturlehre auf Klimakrise, Ressourcenknappheit und gesellschaftliche Veränderungen reagieren? Welche Inhalte, Kompetenzen und Organisationsformen braucht sie? Und wie können Hochschulen zu Orten werden, die nicht nur über Transformation sprechen, sondern sie selbst praktizieren?

Die Resonanz der eingeladenen Gäste macht deutlich, welche Bedeutung die Summer School weit über Siegen hinaus entfaltet hat. Saskia Hebert von subsolar* architektur & stadtforschung beschrieb das Druckhaus als einen Ort für Begegnung, Experimente und Aushandlungsprozesse – und die Summer School als herausragendes Beispiel für den Zusammenschluss mutiger und motivierter Menschen in Zeiten notwendiger Transformation.

Johanna Debik, ehemalige Vorständin der Montag Stiftung Urbane Räume, betonte die besondere Qualität des Reallabors: Studierende könnten Räume nicht nur theoretisch diskutieren, sondern sie bespielen, umgestalten und sich selbst als Teil einer Transformation erleben. Gerade darin liege die Chance, die Innenstadt zum Campus werden zu lassen.

Auch Prof. Dr. Norbert Palz, ehemaliger Präsident der Universität der Künste Berlin, hob das Druckhaus als beispielhaften Ort für die Anforderungen heutiger Architektur- und Stadtentwicklungsaufgaben hervor: für den nachhaltigen Umgang mit Bestandsbauten, die Verbindung von Universität und Stadtgesellschaft sowie eine zeitgemäße, praxisnahe Lehre.

Architekturlehre muss nicht abstrakt sein. Sie entsteht, wenn Räume zugänglich werden, wenn Studierende Verantwortung übernehmen, wenn Lehre, Forschung, Praxis und Stadtgesellschaft miteinander in Kontakt kommen. In diesem Sinn wurden die sieben Tage zu einem intensiven Arbeitsraum für neue Curricula – und zugleich zu einem sichtbaren Zeichen dafür, welches Potenzial in der Neuen Architekturschule Siegen und im Druckhaus steckt.

Ein Höhepunkt war die Unterzeichnung des Kooperationspapiers „Gemeinsam für die Weiterentwicklung nachhaltiger Lehre und Forschung im Kontext der Bauwende“. Univ.-Prof. Dr. Stefanie Reese, Rektorin der Universität Siegen, unterzeichnete es gemeinsam mit Leon Beck, Vorstand von Architects for Future Deutschland e.V. Das Papier verbindet die Universität Siegen mit einem bundesweiten Netzwerk, das die Bauwende dauerhaft in Lehre, Forschung und Transfer verankern will.


Institutionelle Dehnübungen

Im Vorfeld haben wir „Future Curricula Circuit Training“ als „institutionelle Dehnübung“ beschrieben. Diese beginnt mit einer einfachen Erkenntnis: Die Spielräume des Handelns in einer Universität sind keine Nebensache. Sie bestimmen mit, welche Formen von Lehre, Forschung, Zusammenarbeit und Verantwortung möglich werden.

Hartmut Rosa fordert eine Rückeroberung solcher Spielräume. Er plädiert dafür, einer institutionalisierten „Hermeneutik des Verdachts“ eine „Hermeneutik des Zutrauens“ entgegenzusetzen. Für die Hochschule stellt sich damit eine grundlegende Frage: Wie können institutionelle Strukturen Sicherheit und Verlässlichkeit gewährleisten und zugleich Räume eröffnen, in denen Verantwortung, Urteilskraft und gemeinsames Handeln erprobt werden können?

Die Summer School hat diesen Anspruch praktisch erprobt. Das Curriculum wurde zum lebendigen Verhandlungsraum. Wir haben Räume zu Verhandlungsmedien gemacht und für unterschiedliche Themen passende Settings entwickelt: für Nähe und Distanz, für konzentriertes Arbeiten und offene Gespräche, für Gemeinschaft, Widerspruch und neue Allianzen. Die Erfahrung des Raums war Teil dessen, was verhandelt wurde.

Dabei hat die Summer School auch gezeigt, dass neue Lehrformate neue Anforderungen an Organisation und institutionelle Verantwortung stellen. Wo Räume anders genutzt, Grenzen erprobt und Verantwortung neu verteilt werden, müssen Handlungsspielräume, Zuständigkeiten und Sicherheitsanforderungen gemeinsam ausgehandelt und immer wieder überprüft werden. Auch diese Erfahrungen verstehen wir als Teil eines Reallabors: nicht als Gegensatz von Freiheit und Sicherheit, sondern als Aufgabe, beides miteinander in Beziehung zu setzen.

Eine Debatte über Curriculum reicht deshalb weiter als bis zu Modulhandbüchern und Prüfungsordnungen. Wir müssen Studieninhalte verändern, aber auch Organisationsformen weiterentwickeln und neue Lehrformate ermöglichen. Ebenso müssen Verwaltungsstrukturen, Zuständigkeiten und Verfahren so gestaltet werden, dass sie Lernen, Lehren und gemeinschaftliche Universität ermöglichen und zugleich verlässliche Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Wir wollen eine Lehre, die sich bewegt. Eine Lehre, die Bestand als Ressource begreift, die Umbau als kulturelle Praxis versteht und Verantwortung für das Gemeinwohl übernimmt. Dafür brauchen wir Orte wie das Druckhaus. Und wir brauchen die Bereitschaft, Curricula, Organisationsformen und institutionelle Spielräume gemeinsam weiterzuentwickeln.

Die Zukunft der Architekturlehre wird nicht irgendwann beschlossen.


Wir gestalten sie.

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